Rezensionen: Der Kommissar und der Todesgott – Heinz-Joachim Simon

Quelle: online Zauberspiegel

von: Ingo Löchel

Ausgabe: 28.06.2012

DIE FÄLLE DES KOMMISSARS JONAS REINECKE

Glücklicherweise haben heutzutage einige der deutschen Kriminalautoren keine Berührungsängste mehr, ihre Romane auch zur Zeit des Nationalsozialismus spielen zu lassen, denn die historische Hintergründe bietet nicht nur sehr interessante, sondern auch sehr spannende Ansätze, um Kriminalfälle zu ‚erfinden‘ bzw. zu konstruieren und auf historischen Ereignissen und Fällen aufzubauen.

Ein sehr  positives Beispiel für diese Art von Kriminalromanen sind die Fälle des Kommissar Jonas Reinecke von HEINZ-JOACHIM SIMON mit dem ich vor einiger Zeit ja bereits ein Interview geführt habe.

Sein Debüt gab KOMMISSAR JONAS REINECKE in den beiden Romanen DIE BLUMEN DER WILHELMSTRASSE sowie LETZTES REQUIEM IN BERLIN, die zum DEUTSCHLAND-ZYKLUS von Hans-Joachim Simon gehören. Hierin trat der Kommissar jedoch nur als Randfigur in Erscheinung.

Seinen ersten eigenen Fall löste Reinecke in DER KOMMISSAR VOM GENDARMENMARKT

Das Revier von Kommissar Jonas Reinecke, genannt der Brigant, Zigarettenraucher und Aquavitliebhaber, der seinen großen Hut, wie die Zeitungsleute liebevoll spotten, selbst im Bett nicht absetzt, ist die Hauptstadt des Deutschen Reiches am Vorabend der Machtergreifung durch die Nazis.
Reinecke bekommt den Auftrag, den mysteriösesten Fall seiner Laufbahn zu lösen. In Eichberg, bei Neuruppin, ist ein Hufschmied ermordet worden. Kein Routinefall, wie Reinecke feststellen muss, denn im Hintergrund zieht die Reichswehr die Strippen. Schon bald kommt Reinecke dem größten Geheimnis des Reiches auf die Spur und gerät in höchste Lebensgefahr.

Wie man bereits in diesem ersten Reinecke-Roman erkennen kann, ist der Kommissar ein Mensch mit Ecken und Kanten mit dem man sich aufgrund seines Gerechtigkeitssinnes, seiner Kompromisslosigkeit, seiner Sturheit, seiner Obrigkeitsresistenz sowie seinen menschlichen Schwächen sehr gut identifizieren kann.

Und gerade wegen seiner Kompromisslosigkeit und seiner Obrigkeitsresistenz lebt Kommissar Jonas Reinecke nicht nur sehr gefährlich, sondern gerät bei seinen Ermittlungen mitunter auch zwischen die Fronten, gerade dann, wenn hochrangige Nazipolitiker etc. darin verwickelt sind oder ihre Finger im Spiel haben.

Das wird insbesondere in DER KOMMISSAR UND DER TOTENGOTT, dem dritten Reinecke-Roman, deutlich. Denn darin wird der Kommissar aufgrund eines Mordes an einem SS-Offizier von Heydrich, dem stellvertretenden Reichsprotektor und Chef des Reichssicherheitshauptamtes, nach Prag gerufen.
Aber Reinecke bleibt seinem Charakter treu und geht in den Untergrund. So entzieht er sich den Bemühungen der Nazis und seiner Vorgesetzen, ihn in die Verbrechen des Dritten Reiches hineinzuziehen.

Der Leser der Reinecke-Romane erlebt aber nicht nur die Probleme und Ängste  des Kommissars zur Zeit der Herrschaft der Nazis hautnah mit, sondern bekommt zudem auch historische Ereignisse und die Zeit der Nazi-Herrschaft kenntnisreich und sehr gut recherchiert ‚präsentiert‘.

So auch in DER KOMMISSAR UND DER REICHSTAGSBRAND, dem zweiten Reinecke-Roman, in dem es, wie der Titel bereits verrät, um den Reichstagsbrand und dessen Hintergründe geht.

Noch heute wird, trotz zahlreicher Gegenbeweise, daran festgehalten, dass der angebliche Kommunist van der Lubbe allein den Reichstag in Brand gesteckt hat. Kommissar Reinecke kommt jedoch den wahren Tätern auf die Spur. Doch bei seinen Ermittlungen werfen ihm nicht nur die Nazis Knüppel in den Weg, sondern auch der eigene Polizeiapparat will verhindern, dass Reinecke die Wahrheit herausfindet. So deckt der Kommissar unter Lebensgefahr Machenschaften auf, die man noch heute gern unter der Decke hält.

Wer sich also auf eine Reise in die Zeit des Nationalsozialismus begeben möchte und neben spannenden und  interessante Kriminalfälle auch einen gegen den Strom schwimmenden Kommissar erleben möchte, der ist mit den Reinecke-Romanen von Heinz-Joachim Simon auf der richtigen Seite.